Was ist passiert?

Wer in der zweiten Hälfte des Jahres 2025 Arbeitsspeicher, eine neue SSD oder eine Grafikkarte kaufen wollte, erlebte eine unangenehme Überraschung: Die Preise explodierten innerhalb weniger Wochen. Was im Frühjahr 2025 noch erschwinglich war, kostete im Herbst ein Vielfaches. Noch bis in den September hatten sich die Preise kaum verändert – ab Oktober zogen sie spürbar an.

Eine Analyse des Preisvergleichsportals günstiger.de aus November 2025 zeigt: Während der durchschnittliche Onlinepreis für DDR5-RAM im August 2025 noch bei 183 Euro lag, mussten Verbraucher im November 331 Euro zahlen – ein Plus von 81 Prozent in nur vier Monaten. Insgesamt verzeichneten 96 Prozent der erfassten Modelle einen Preisanstieg. Das ist kein kurzfristiges Händler-Phänomen – es sind mehrere Ursachen, die gleichzeitig aufeinandertreffen.


Die Ursachen

Der KI-Boom saugt den Markt leer

Der wichtigste Treiber ist der rasant wachsende Bedarf der KI-Industrie. Systeme wie ChatGPT oder Googles Gemini laufen in riesigen Rechenzentren mit enormem Speicherbedarf – insbesondere an HBM (High Bandwidth Memory), dem Hochleistungsspeicher für KI-Beschleuniger.

Medienberichten zufolge hat OpenAI über das „Stargate"-Projekt die Hersteller Samsung und SK Hynix verpflichtet, rund 900.000 DRAM-Wafer pro Monat zu liefern – das entspricht einem Großteil der weltweiten Kapazität. Samsung und SK Hynix kontrollieren zusammen rund 70 % des DRAM-Marktes. Was für KI-Rechenzentren produziert wird, fehlt für PCs, Laptops und Smartphones.

Bewusste Produktionsdrosselung

Nach einer Phase der Überproduktion und stark gesunkener Preise in den Jahren 2022 und 2023 fuhren die Speicherhersteller ihre Produktion bewusst zurück, um den Preisverfall zu stoppen. Genau in dem Moment, als die Nachfrage durch den KI-Boom anzog, war das Angebot künstlich verknappt. Dieses Zusammentreffen hat den Preisanstieg stark beschleunigt.

Zusätzlich zog sich Micron mit seiner Marke Crucial Ende 2025 aus dem Endkundenmarkt zurück – ein weiterer Anbieter weniger im Wettbewerb.

Technologischer Umbruch: DDR5

DDR5, die aktuelle Arbeitsspeicher-Generation, ist in der Herstellung komplexer und teurer als der Vorgänger DDR4. Da immer mehr neue Rechner auf DDR5 setzen, verschiebt sich die Nachfrage genau in das Segment, das ohnehin am knappsten ist. Laut dem Marktforschungsunternehmen TrendForce sind Preisanstiege von bis zu 110 Prozent für Desktop-DDR5 in einem einzigen Quartal möglich – das wären Rekordwerte.

Geopolitik und Kosten

Da Taiwan ein zentraler Standort für die Chip-Produktion ist, können politische Spannungen oder Handelsbeschränkungen den Markt destabilisieren. US-Zölle auf Halbleiterprodukte wirken als zusätzlicher Preistreiber, ebenso wie gestiegene Energiekosten in den Produktionsländern.

Großkonzerne sichern sich alles weg

Große Cloud-Anbieter und KI-Unternehmen sichern sich Kapazitäten über langfristige Verträge – teils Jahre im Voraus. Wer als Normalverbraucher oder kleines Unternehmen RAM kaufen möchte, steht am Ende einer langen Schlange hinter Amazon, Google und Microsoft. Hersteller wie Adata berichten öffentlich von „akuter Angebotsknappheit" und der Priorisierung großer Cloud-Kunden gegenüber dem Einzelhandel.


Konkrete Preiszahlen

Die folgenden Zahlen stammen aus der internen Analyse des deutschen Preisvergleichsportals günstiger.de (Datenbasis: Bestpreis unter 3.500 Händlern, August vs. November 2025) sowie aus dem Speicherkrise-Preisindex von 3dcenter.org (Stand März 2026, Basis: Geizhals-Preisvergleich):

ProduktAugust 2025November 2025Veränderung
Kingston Fury Beast RGB DDR5-6000 32GB-Kit 124 € 210 € +70 %
Corsair Vengeance RGB DDR5-6000 32GB-Kit 129 € 237 € +84 %
Patriot Viper Venom RGB DDR5-6000 32GB-Kit 96 € 199 € +107 %
SSD 1 TB (M.2 NVMe PCIe 4.0) ca. 60 € ca. 120 € ca. +100 %
SSD 2 TB / 4 TB Basispreis +30–40 % +30–40 %

Quellen: günstiger.de (Pressemitteilung Nov. 2025), pcgames.de Jahresrückblick 2025

Bei Grafikkarten begann der Preisanstieg etwas verzögert, da Händler zunächst von günstigeren Lagerbeständen zehrten. Für Karten mit 16 GB Grafikspeicher und mehr zeigen sich in Europa Aufschläge zwischen 15 und 20 Prozent gegenüber dem Jahresbeginn 2025.


Es betrifft nicht nur den PC-Markt

Speicherchips stecken in fast allem, was mit Strom betrieben wird – die Preiswelle schwappt entsprechend weit:

  • Smartphones und Laptops: Hersteller müssen gestiegene Komponentenkosten weitergeben. Besonders betroffen sind Geräte mit viel RAM; die Verfügbarkeit von Modellen mit 16 GB oder mehr könnte zurückgehen.
  • Fernseher und Unterhaltungselektronik: Smart-TVs benötigen sowohl Arbeitsspeicher als auch Flash-Speicher. Wer in absehbarer Zeit neue Technik braucht, muss damit rechnen, dass Produkte 2026 entweder teurer werden oder zum gleichen Preis schlechter ausgestattet erscheinen.
  • Cloud-Dienste: Rechenzentren weltweit berichten von 15–35 % höheren Beschaffungskosten für Server-RAM. OVHcloud schätzte laut Branchenbericht, dass ein im Dezember 2025 beschaffter Server im Dezember 2026 zwischen 15 und 35 Prozent teurer sein wird. Das kann sich mittelfristig auf Preise für Cloud-Speicher und webbasierte Dienste auswirken.
  • Spielekonsolen der nächsten Generation: PS6 und die nächste Xbox-Generation könnten durch die Speicherkrise teurer als geplant oder verzögert auf den Markt kommen.

Aufrüsten oder warten – was ist jetzt sinnvoll?

Kein dringender Bedarf: Abwarten

Wer mit dem aktuellen System zurechtkommt und keinen defekten Rechner ersetzen muss, fährt gut damit, noch einige Monate zu beobachten. Seit März 2026 zeigen sich erste zaghafte Entspannungssignale: DDR5-Preise sanken laut 3dcenter.org im deutschen Einzelhandel um gemittelt −7,2 %, Grafikkarten um −3,4 %. Das ist noch keine Entwarnung – aber ein erstes positives Signal.

Kauf ohnehin geplant: Nicht zu lange zögern

Wer weiß, dass er in absehbarer Zeit Hardware braucht, sollte nicht auf eine schnelle Rückkehr zu Tiefstpreisen warten. Die Preise liegen trotz erster Korrekturen weit über dem Niveau von Mitte 2025. Kaufen nach Bedarf ist die rationalere Strategie als auf möglicherweise ausbleibende Preisstürze zu spekulieren.

Ältere Hardware länger nutzen

Wer noch ein funktionierendes DDR4-System hat, muss es nicht sofort ersetzen. DDR4-Systeme liefern für die meisten Alltagsaufgaben mehr als genug Leistung. Das aktuelle Setup noch ein bis zwei Jahre zu behalten ist in vielen Fällen die wirtschaftlich und ökologisch sinnvollste Entscheidung.

Peripherie: Jetzt günstig

Nicht alles wird teurer. Gehäuse, Kühler, Netzteile, Monitore, Tastaturen und Mäuse sind von der Speicherkrise kaum direkt betroffen. Wenn weniger Menschen große Technikanschaffungen tätigen, locken Händler verstärkt mit Rabatten auf Zubehör. Wer Peripherie benötigt, findet derzeit möglicherweise bessere Preise als in normalen Zeiten.

Linux als Option für ältere Hardware

Wer einen älteren PC noch länger nutzen möchte, aber Windows 10 ausläuft, hat eine interessante Option: Leichtgewichtige Linux-Distributionen wie Linux Mint oder Debian laufen auch auf Hardware mit 4–8 GB RAM flüssig. Das verlängert die Nutzungsdauer bestehender Geräte – ganz ohne neue Speicherkäufe.


Wie lange dauert das noch?

Das ist die schwierigste Frage – und die Einschätzungen der Branchenexperten sind ernüchternd. Eine schnelle Entspannung ist nicht zu erwarten.

Das Marktforschungsunternehmen TrendForce prognostiziert anhaltend hohe Preise; Branchenkenner sprechen von einer möglichen Normalisierung frühestens 2027. Neue Produktionsanlagen werden zwar gebaut, doch bis neue Fabriken in Betrieb gehen und tatsächlich Wirkung auf den Markt entfalten, vergehen mehrere Jahre.

Auch das Analyseportal DropReference.com fasst die Lage im März 2026 klar zusammen: DDR5 ist in eine Phase eingetreten, in der hohe Preise zur Norm werden könnten – und die Rückkehr auf das Preisniveau von Mitte 2025 scheint auf absehbare Zeit unrealistisch.

Ob und wie stark die Preise langfristig sinken, hängt auch davon ab, ob der KI-Boom weiter so rasant anhält oder sich abschwächt. Eine Prognose mit Sicherheit ist nicht möglich.


Fazit

Die aktuelle Speicherkrise ist keine vorübergehende Marktschwankung, sondern ein strukturelles Problem, das durch den KI-Boom, bewusste Produktionsdrosselung und einen technologischen Umbruch ausgelöst wurde. Sie betrifft nicht nur PC-Bauteile, sondern potenziell fast alle elektronischen Geräte und Dienste.

Der beste Rat: Notwendige Anschaffungen vernünftig planen, keine Panik- oder Luxuskäufe. Wer kaufen muss, sollte nicht auf das große Tief warten – wer warten kann, sollte Geduld mitbringen. Und Geräte, die noch funktionieren, sollten möglichst lang weiterbetrieben werden.